Thomas Struth, Richard Sennett (essay)

Unconscious Places


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"'Unconscious Places' presents Thomas STRUTH’s photographs of streets in all parts of the world: narrow lanes in Edinburgh and Naples, satellite towns in Pyongyang, thoroughfares in Lima and Los Angeles, grand boulevards in St. Petersburg, New York, and Beijing.
Frequently devoid of people, STRUTH’s urban landscapes are also a critical depiction of different human habitats." (publisher's note)

Das umfangreiche Buch beinhaltet "... Aufnahmen von Straßen aus allen Tei-len der Welt und aus fast vier Jahrzehnten, die hier erstmals in einer großen Auswahl versammelt sind. Wie der Titel bereits andeutet, sind es nicht die Prachtstraßen, die touristischen Attraktionen oder Promenaden, mit denen sich die großen Städte in der Regel schmücken, sondern Straßen, die der Passant und vielleicht vor allem der Einheimische zunächst eher mit seinem Unter-bewusstsein wahrnimmt als mit seinem Bewusstsein. Andererseits aber ist die Gestalt unserer Städte vom kollektiven Unbewussten ihrer Bürger durchwirkt, und neben den faktischen Einflüssen sind es auch wechselseitige psycholo-gische Kräfte, die Urbanität erst entstehen lassen.
Durch die strengen und sorgfältig komponierten Bilder, die STRUTH von diesen in der Regel un-repräsentativen Orten aufnimmt, wird der Betrachter angeleitet, an diesem Prozess teilzunehmen. Architektur und Urbanität, lokale Bautradition und internationaler Architekturstil, Vergangenheit und Gegenwart, geographische Eigenheiten, all das bringen STRUTHs Fotografien Bild für Bild zu Bewusstsein – in des Wortes wahrster Bedeutung.
Die serielle Form des Buches setzt diesen Prozess – Seite für Seite – in Gang. So ist ein ästhetisches Kontinuum ent-standen, das aus der Aneinanderreihung von Verkehrsadern und Häusern – von deren Außenansicht sozusagen – und dem ordnenden und liebevollen, immer aber gewissenhaften Blick des Photographen STRUTH einen Strom anthropologischer Erkenntnis hervortreten lässt.
Der amerikanische Soziologe, Philosoph und Schriftsteller Richard SENNETT war von diesem Werk so begeistert, dass er uns und dem Künstler spontan einen einführenden Essay für dieses Buch geschrieben hat." (Verlagstext)

"Die Neuauflage der 'Unconscious Places' in Buchform beginnt 1979 in Teilen Düsseldorfs: Friedensstraße, Remscheider Straße, Wagnerstraße, Wilhelm-Tell-Straße heißt eine Auswahl von vier der Straßen, die den Auftakt zu einer – bereits seit über vier Jahrzehnten bestehenden und stetig weiter entwickelten – Werkserie STRUTHs bilden.
In der Publikation auf zwei Seiten abgebildet, re-flektiert die Seitengestaltung mit den vier Straßenfotografien die Art der Hängung auf der Architekturbiennale 2012 in Venedig.
Die Straßenbilder oder 'Unconscious Places', so erstmalig 1985 im Rahmen einer Einzelausstellung von Struth benannt, umfassen mittlerweile Ansichten von unprominenten Straßen und Gebäudekomplexen aus New York, Frank-reich, Japan, China und Korea u.a.m. STRUTH nimmt uns mit auf eine Weltreise, um uns Orte jenseits von Eiffelturm und Empire State Building zu zeigen. Dennoch scheinen uns seine Bilder aus verschiedenen Städten und Kulturen nicht fremd, eher auf eine bestimmte Art vertraut zu sein.

Die nach strengen formalen Kriterien aufgenommen Fotografien geben Frag-mente eines Bildgedächtnisses wieder, das seinen Speicher im kollektiven Unbewussten lagert. Dabei versammelt die Serie Straßenfluchten in N.Y. ebenso wie Plätze in Italien. Der Blick des Fotografen, der mit seinen ge-wählten Ausschnitten die Essenz des jeweiligen Ortes destilliert, fixiert jede Fotografie über das einzelne Bild hinaus im Kontext eines umfassenderen historischen und kulturellen Kontexts.

Die einzelnen Fotografien der 'Unbewussten Orte' werden oftmals als Serien zu einem Ort angelegt, darüber hinaus funktionieren sie als eigenständige Bilder. (...) In Referenz auf die bildliche Darstellung überholter Funktions-bauten aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet von Struths Lehrer Hilla und Bernd BECHER an der Düsseldorfer Kunstakademie, erinnern die Fotografien aus Beau-grenelle eher an Skulpturenfotografie als an geografische Stadtansichten.

Nicht nur die Orte, die STRUTH für seinen Bilderatlas gewählt hat, variieren, sondern ebenso die Art der fotografischen Annäherung. Die frühen Straßen-fotografien, die eine Idee der trostlosen Monotonie in der zentral-perspektivischen Ansicht der uniformen, aber zugegebenermaßen durchaus praktikablen Bauweise der Nachkriegsarchitektur in der ehemaligen Bundesrepublik Deutschland veranschaulichen, werden als kleinformatige Schwarzweißansichten vermittelt. Der rasanten Bauweise und dem Pragmatismus jener Zeit scheint das Konzept der Transparenz geschuldet: wie reiht man Neubauten neben historische Gebäude ohne dabei aufzufallen oder gestaltet gleich ganze Wohnkomplexe derart, dass man in der Erinnerung an diese lediglich die Idee einer Farbe zwischen den Nicht-Farben, also irgendetwas im Graubereich, sich ins Bewusstsein rufen kann?
STRUTH, der, nach eigener Angabe im Interview mit Richard SENNETT, einen Teil seiner Jugend in einem 'ziemlich deprimierenden Neubauviertel' in einem Vorort von Köln verlebte, gelingt mit einer objektiven Distanz zu den Düsseldorfer Straßen, den Fotografien ihren eigenen Wert zuzugestehen: als Bilder, die beschreiben und zugleich dokumentieren.
Einen formalästhetischen Wandel erkennt man bereits in der erwähnten Tour-Serie, für die STRUTH die Zentralperspektive verlässt. Aufgenommen von den Dächern umliegender Gebäude wird die Kameraeinstellung derart gewählt, dass sie die horizontale Mitte der Hochhäuser mit der Bildmitte korrespondieren lässt und diese – trotz Fokussierung – in eine Balance zu ihrer Umgebung setzt.

An Bildern aus Japan und China zeigen sich in extremer Weise kulturelle Differenzen in der architektonischen und sozialökonomischen Struktur urbanen Lebensraums. Die Wahl für die Großformat-Kamera an dieser Stelle seiner Werkproduktion lässt vermuten, dass STRUTH diesen ganz anderen, fremden Kulturraum mit all seinen Verzierungen und Attributen so präzise wie möglich einfangen wollte, damit ihm kein Puzzleteil auf dem Weg des Verstehens dieser neuen Welt verloren geht. Die Möglichkeit der präziseren Aufnahmen mittels Großformat-Kamera wird begleitet von dem Aspekt der Entschleunigung, der dem hektischen Treiben der chinesischen Märkte diametral gegenübersteht.

STRUTH positioniert sich klar gegen eine spontane Fotografie im Sinne des CARTIER-BRESSONschen 'decisive moments'. Seine Fotografien folgen vielmehr einer konzeptuellen Vorgehensweise, in der im Vorfeld Ausschnitt, Format und Lichtverhältnis gewählt und berücksichtigt werden. In Hinblick auf die Fotografien chinesischer Großmarktsituationen wie beispielsweise 'Jianghan Lu, Wuhan' (1995) zeigt sich das bildnerische Vermögen der Großformat-Kamera in der Detailvielfalt: eine breite Palette farbiger Couleur verbindet sich mit einem Konvolut an Formvariationen zu einem dicht gewebten Netz, das sich jenseits des fotografischen Abbildes als Bildstruktur erweist.

Die Fortführung der Reise STRUTHs durch die urbanen Räume der verschiedenen Kontinente begründet die Lust an einer neu aufgelegten Publikation der 'Unconscious Places', die diese Reise weiter begleitet. Auf diese Weise gelingt es dem Betrachter, dem Bildverständnis STRUTHs ein wenig mehr auf die Spur zu kommen: Die einzelnen Fotografien dieser Werkserie fügen sich zu einem dicht gewebten Quilt zusammen, in dem sowohl Einzelbilder als auch Bildfolgen zu einer multivisuellen Einheit verknüpft werden.

Die Publikation ermöglicht mit einer spielerischen Konzeption eine Vielzahl synoptischer Bildvergleiche: Frühe Straßenfotografien werden neben neuere gestellt, farbige Fotografien zwischen eine Reihe von schwarzweißen Fotografien und Bilder einer topologischen Einheit zwar nebeneinander präsentiert, sie bebildern jedoch als Einzelne eine gesamte Seite. Richard SENNETT, der einen begleitenden Essay zur Publikation liefert, führt den Leser in die Biografie STRUTHs und in die Werkgenese der 'Unconscious Places' ein.
Einen Teil des Essays gestaltete er unter Zuhilfenahme eines Interviewkonzepts, für das neun Künstler, Designer und Architekten wie beispielsweise David CHIPPERFIELD zu ihrer professionellen Sicht auf neun Architekturfotografien STRUTHs befragt wurden, die dieser vorher selbst mit einem Kommentar versehen hat.

Das umfangreiche Bildmaterial enthält vor allem auch Fotografien, die dem totalen Ausverkauf des STRUTHschen Werkes bisher verschont geblieben sind. Somit wird ein neuer Blick auf einen der deutschen Starfotografen unserer Zeit möglich gemacht." (text: Min-Young Jeon, in: portalkunstgeschichte.de)